Das aktuelle politische Buch


Honeckers Zuchthaus


Tobias Wunschik
Honeckers Zuchthaus – Brandenburg-Görden und der politische Strafvollzug der DDR  1949-1989
Analysen und Dokumente. Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) - Band 51.
Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2018; 1017 Seiten,
29 Abbildungen und 22 Tabellen. Umfangreiches Literaturverzeichnis.
Preis 70,-  Euro; ISBN  978-3-525-35124-6



„Honeckers Zuchthaus“ – ein eindeutig zweideutiger Titel!
Viel wurde bisher nicht über den Riesenkomplex in Brandenburg an der Havel publiziert. Doch eigentlich gibt es keinen vertretbaren Grund, warum das „Gelbe Elend“ in Bautzen – schon das Wort Bautzen ist zum Synonym geworden - weit mehr ins allgemeine Bewusstsein der politischen Aufarbeitung gelangt war. Beide Zuchthäuser waren Schreckensorte der DDR-Diktatur, die Häftlingsstrukturen waren die gleichen. Aber in Bautzen hat sich nach 1990 eine Initiativgruppe gebildet, die alljährlich im Bautzen-Forum die ehemaligen politischen Gefangenen zusammenführt. Ähnliches gibt es in anderen Städten, in denen sich berüchtigte DDR-Haftanstalten befunden hatten, aber nicht in Brandenburg. Dieser Verschwiegenheit hat Tobias Wunschik nun ein Ende gemacht. Er hat die vierzig Jahre, die das dortige Zuchthaus zum „Gläsernen Sarg“ werden ließen, aufgearbeitet.

Mit wissenschaftlicher Akribie hat er das Leben in einem der größten Zuchthäuser der DDR im Gesamtrahmen des politischen Strafvollzugs über die vier DDR-Jahrzehnte gründlich durchleuchtet. In dem voluminösen Werk hat er die Ergebnisse seines intensiven Aktenstudiums in allen möglichen Archiven mit mehr als 5000 Fußnoten belegt. Darüber hinaus hat er in ganzer Breite die Sekundärliteratur durchforstet, in der die Zeitzeugen ihre Erfahrungen festgehalten hatten, was gerade für die Frühzeit wichtig ist, in der die Aktenlage gewiss dürftiger ist als in den späteren Jahren.

Um aus all dem eine möglichst differenzierte Sicht zu liefern, hat er den Stoff in vier große Kapitel geteilt: Der Strafvollzug – Die Gefangenschaft – Die Häftlinge – Die Staatssicherheit. Aus den so gewählten Perspektiven entwickelt sich in weiteren Untergliederungen ein Einblick speziell in den Mikrokosmus der Haftanstalt Brandenburg-Görden und allgemein in den politischen Strafvollzug der DDR 1949-1989. Selbstverständlich unterlag beides innerhalb von vierzig Jahren, in denen etwa 700 000 Häftlinge die Haftanstalten der DDR durchliefen, einer Entwicklung. Stalins Tod, der 17. Juni 1953, der Mauerbau, der Machtwechsel von Ulbricht auf Honecker u.a. waren Ereignisse, die den Strafvollzug beeinflussten. Dem ist der Autor in historischer Verpflichtung gefolgt.
Anfang der 1950er Jahre herrschten Hoffnungslosigkeit und Existenzangst unter den vom Hunger gezeichneten Gefangenen. Die hygienischen und medizinischen Verhältnisse waren katastrophal. Das Leben fand auf unterstem Niveau statt. Aber der Zusammenhalt, die Kameradschaft unter den Gefangenen war groß. Nur ein ganz kleiner Anteil waren kriminelle Häftlingen, die sich aber bereitwillig integrierten. Es gab deutlich die Innen- und die Außenwelt, wobei letztere der Bereich vor der Zellentür war. Es drang kaum etwas aus den Zellen nach draußen, denn das Spitzelwesen der IM hatte zu dieser Zeit noch keinen Eingang in die Häftlingsgesellschaft gefunden. Das änderte sich bekannterweise in den späteren Jahrzehnten. Dieser ständig wachsende Einfluss des MfS auf den gesamten Strafvollzug wird in dem Buch sehr deutlich gemacht. So wirkten nicht nur innerhalb des Wachpersonals und in den Zellen die Stasi-Spitzel, sondern auch Häftlinge wurden als IM auf das Personal angesetzt. In der letzten Phase der DDR-Existenz beherrschte das MfS den Strafvollzug auf allen Ebenen, selbst die Anstaltsleitung wurde bespitzelt.

Ohne irgendwelche Emotionen – was man zuweilen vermisst – legt der Autor die Fakten vor und liefert dabei die Antworten, die ich vor zwanzig Jahren vom Vertreter der Anstaltsleitung nicht erhalten konnte, als ich als Betroffener und nun Recherchierender mit Genehmigung des Justizministeriums des Landes Brandenburg die Haftanstalt besuchte. Meine damaligen Fragen, z. B. zu Statistiken über Belegzahlen, Häftlingskategorien, Sterblichkeit insbesondere zu Suiziden, blieben in vermeintlicher Unkenntnis unbeantwortet. Ebenso die Fragen nach den Vorgängen innerhalb des Zuchthauses im Herbst 1989 und nach einem doch wahrscheinlichen Gefangenenaufstand in deren Folge. Tobias Wunschik liefert diese Antworten nun aus den Akten. Damit hat er sichtbar gemacht, was nicht vergessen werden darf. Er zeigt die Innenansicht eines Gefängnisses und damit die Verbrechen des SED-Staates. Dafür sei ihm Dank und Anerkennung gezollt.


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©VERS 2002 - 2019 letzte Änderung: 3021.01.2019