Das aktuelle politische Buch




Julian Barnes:
Der Lärm der Zeit
Kiepenheuer und Witsch, Köln 2017, 245 Seiten, gebunden; Preis 20,- Euro;   ISBN 978-3-462-04888-9

Es muss sein. Auch wenn es eine Wiederholung ist, muss dieses Zitat von Herta Müller hier eingefügt werden:

„Literatur kann das alles nicht ändern. Aber sie kann – und sei es im Nachhinein – durch Sprache eine Wahrheit erfinden, die zeigt, was in und um uns herum passiert, wenn die Werte entgleisen.“

Es ist die Lebensgeschichte – oder mindestens sind es Ausschnitte daraus – von einem der großen Komponisten im sowjetischen Russland, Dmitri Schostakowitsch, die hier in Form eines Romans vorgestellt wird. Doch ganz sicher hält sich der Text sehr dicht an der Lebenswirklichkeit dieser unverwechselbaren Persönlichkeit, dessen Leben die Musik ist.

Ein kurzer, eindringlicher Vorspann geht dem Text voraus:  Auf einem gottverlassenen Bahnhof in der Steppe muss der Zug halten. Zwei Reisende steigen aus und begegnen einem vom Krieg verstümmelten Bettler, der beinlos sich nur auf einem Rollbrett bewegen kann. Gemeinsam trinken sie Wodka und stoßen mit ihren Gläsern an. Einer, das ist Dmitri Schostakowitsch, macht dazu eine Bemerkung, die erst am Ende des Buches, als der Rahmen sich schließt, deutlich wird. Die drei ungleichmäßig gefüllten Gläser ergeben beim Anstoßen einen Dreiklang: „Ein Geräusch, das vom Lärm der Zeit rein war und alle und alles überdauern würde."

Es ist die Zeit der großen Säuberung, des stalinistischen Terrors, als die Oper von Dmitri Schostakowitsch „Lady Macbeth von Mzensk“ im Bolschoi-Theater in Stalins Gegenwart aufgeführt wird. Aber Stalin verlässt bereits in der Pause die Regierungsloge. Das ist ein unverkennbares Zeichen. Als dann auch noch die Prawda von „Chaos statt Musik“ und von der „Abkehr von der wahren Kunst des Sowjetvolkes“ spricht, ist sein Schicksal besiegelt, er ist ein toter Mann. Da sie - Stalins Schergen - immer nachts kommen, hält er sich bereit. Das Umschlagsbild des Buches sagt bereits alles: Da steht ein verängstigter Mann mit roter Krawatte und Mantel mit einem kleinen Koffer in der Hand und wartet auf etwas. Immer wieder kehrt der Autor in diese Szene zurück, wie ER (Schostakowitsch) nachts am Fahrstuhl auf seine Häscher wartet. Er will gerüstet sein für seine Verhaftung und der Familie das erniedrigende Ereignis ersparen. Die Atmosphäre dieser bedrückenden Szene von absoluter Finsternis ist einmalig dargestellt. Obgleich man selbstverständlich weiß, dass der Komponist diese Zeit überlebt hat, spürt man die Existenzangst. Es ist jedoch nicht nur die individuelle Angst, die hier beschrieben ist, es ist der lähmende Terror, der über dem ganzen Land liegt. Es kann jeden treffen, denn Schuld ist konstruierbar geworden.

Nach der allbekannten Rede von Nikita Chruschtschow im Februar 1956, in der mit dem Stalin-Kult gebrochen wird, wird alles anders - scheinbar. In einem folgenden Kapitel über diese politische Veränderung der Sowjetunion wird Anna Achmatowa mit den Worten zitiert: „Die Macht wurde vegetarisch.“ Plötzlich lobt man ihn als bedeutendsten Komponisten des Landes und macht ihn zum Vorzeigeobjekt des Sozialismus, und all das geschieht gegen seinen Willen. Doch er unterwirft sich, wird zum Opportunisten, um ein Stück persönliche Freiheit für seine Kunst zu retten. So korrumpiert man die einstigen Feinde und macht sie zu Verrätern voller Selbstzweifel an der eigenen Sache. Das war nicht weniger schlimm als die stalinistische Verfolgung.

Julian Barnes zeigt einen Menschen, der in diesem Spannungsfeld nur mit Hilfe seiner Musik überleben kann.

„Ein Geräusch, das vom Lärm der Zeit rein war und alle und alles überdauern würde."

Das ist großartig gelungen. Wer lesen kann, sollte dieses Buch lesen.

 



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©VERS 2002 - 2018 letzte Änderung: 18.02.2018