Das aktuelle politische Buch




Ivan Čistjakov
Sibirien, Sibirien  -  Tagebuch eines Lageraufsehers
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Irina Scherbakowa.
Verlag Matthes und Seitz, Berlin 2014; gebunden, 288 Seiten, mehrere Abbildungen und Handzeichnungen aus dem Lager.
Preis 24,90 Euro;   ISBN  978-3-88221-092-7

Im Gegensatz zu den Berichten von Gefangenen gibt es kaum Aufzeichnungen von den Aufsehern in den sowjetischen Lagern. Vielleicht ist das Tagebuch von Ivan Čistjakov (übertragene Schreibweise: Tschistjakow) sogar die einzige Quelle von "diesseits" des Stacheldrahtes. Über den Autor weiß man nicht viel. Er zeigt sich als einer der durchschnittlichen Mitläufer der sowjetischen Repressionsmaschinerie, der zunächst auf der Seite der Machthaber, doch sehr bald auf der Seite der Entrechteten einzuordnen ist.
Im Herbst 1935 landete Čistjakov unfreiwillig in Swobodny, einem vergessenen Ort im Verwaltungsgebiet Amur, im Fernen Osten der UdSSR. Nach seiner Einberufung in die Rote Armee wurde er den Truppen des Innenministeriums zugeteilt, die für die Bewachung der sowjetischen Arbeitslager zuständig waren.

Mit dem 9. Oktober 1935 beginnen seine Tagebucheinträge. Dreck, nur Dreck – unfreundlich, gruselig, bedrückend und freudlos, so beschreibt er seine ersten Eindrücke bei der Ankunft in Swobodny, der Stadt an der von den Häftlingen zu errichtenden Baikal-Amur-Magistrale. Nach 30 Kilometern durch "Matsch überall" erreicht er seine Einheit, bei der er als Kommandant der Lagerwache dienen soll. Auch hier trifft er auf erschreckende Zustände. Die Truppe besteht aus einem völlig undisziplinierten und in erbärmliche Lumpen gehüllten Haufen von Rotarmisten, die eigentlich gar keine sind. Einige haben lediglich einen Monatskurs absolviert und da das Magazin nicht über ausreichend Uniformen verfügt, bleiben ihnen nur die Lumpen des Alltags. Ihnen ist er jetzt vorgesetzt. Aufklärung von Fluchten, Schlägereien, Morde, Hunger, Grausamkeiten, Verrat, Bestechung und Denunziation bestimmen seinen Tagesablauf. Bereits nach wenigen Tagen fragt er sich: "Bin ich wirklich dazu geboren, im BAMLag (Baikal-Amur-Magistrale-Lager) zu dienen?" Er ist ein Rädchen in einem schrecklichen Getriebe, aus dem es kein Entrinnen gibt. Es kommt der Herbst und aus dem Lehm wird Morast, dennoch muss der tägliche Fußmarsch zur Arbeit am Gleisbett bewältigt werden. Das lässt die Moral nochmals sinken. Doch der Winter mit seinen Temperaturen zwischen 40 und 50 Grad Kälte lässt nicht lange auf sich warten. Auch in den Baracken der Mannschaften herrscht Tag und Nacht Eiseskälte. Die Gefangenen reißen die am Tage verlegten Gleise wieder auf und verheizen die Schwellen, weil es kein Brennholz gibt. Aus all seinen Tagebuchnotizen ist zu entnehmen, dass er die Absurdität seines Tuns und noch mehr, die Sinnlosigkeit des gesamten Systems längst erkannt hat und daran schier verzweifelt. Er ist nicht allein mit dieser Haltung, wie man aus einem Eintrag erfährt: Der Politoffizier fordert, dass er die Wachsoldaten, die ihre Entlassung eingereicht haben, mit aller Kraft zurückhalten muss. Doch die antworten darauf: "Verurteilt uns, aber dienen werden wir nicht mehr." Nach etwas mehr als einem Jahr brechen die Tagebuchaufzeichnungen mit dem Datum vom 17. Oktober 1936 ab.


Über den Autor:

Alles, was man über Ivan Čistjakov weiß, ist nur aus seinen Tagebüchern zu entnehmen. Vermutlich war er im genannten Zeitraum etwa 30 Jahre alt und hat bis zu seiner Einberufung in Moskau gelebt. Über seinen Beruf ist nichts zu erfahren. Offensichtlich war er künstlerisch begabt, denn zwischen seinen Texten finden sich immer wieder feine Handzeichnungen mit Motiven aus seiner direkten Umgebung, auf denen oft auch die Eisenbahngleise einbezogen sind. Eine Familie hatte er wahrscheinlich nicht. Vermutlich ist er im Zuge einer "politischen Säuberung" aus der KPdSU ausgeschlossen worden, denn er lässt durchblicken, dass man ihn aus diesem Grund an die Baikal-Amur-Magistrale geschickt hat. Seine kritische Einstellung, die sich wie ein roter Faden durch das Tagebuch zieht, führte schließlich dazu, dass er 1937 degradiert wurde oder sogar selbst ein GULag-Häftling wurde. Dafür gibt es eine wichtige Quelle. Dem Tagebuch war eine Fotografie beigefügt mit der rückseitigen Notiz: Čistjakov, Ivan Petrovič, 1937/1938 repressiert. Fiel 1941 an der Front im Gebiet von Tula.
Das war das kurze Leben des Ivan Čistjakov, der vergessen wäre, wenn nicht - wie durch ein Wunder - seine Tagebücher erhalten geblieben wären. Unter den nachgelassenen Papieren einer entfernten Verwandten wurden die zwei Hefte mit den Aufzeichnungen gefunden, die sich heute im Archiv von Memoriale in Moskau befinden.

 



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©VERS 2002 - 2018 letzte Änderung: 29.07.2018