Das aktuelle politische Buch


Das sowjetische Jahrhundert



Karl Schlögel

Das sowjetische Jahrhundert  -  Archäologie einer untergegangenen Welt

C.H. Beck Verlag, München 2017, 912 Seiten, 86 Abbildungen;
Preis 38,- Euro;  ISBN 978-3-406-71511-2

Der Autor – einer der namhaften Osteuropa-Historiker – ist der Archäologe, der hier die einzelnen Schichten der unterschiedlichen Lebensbereiche innerhalb der Sowjetunion freilegt. Dabei ist es keineswegs seine Absicht, eine neue Geschichte des Landes zu schreiben. Das Inhaltsverzeichnis macht bereits deutlich, wie hier Bilder einer Ausstellung komponiert werden, die jedes für sich einen Themenkomplex bietet. Es sind etwa 60 solcher „Bilder“, aus denen ein Panorama geformt wird. So entsteht sein „Imaginäres Museum“, in dem es die überdimensionalen Industrieobjekte gibt und das Urlaubsparadies auf der Krim, die Warteschlangen auf der Straße und die Berjoska-Läden als „Oasen des Überflusses“, die Gemeinschaftsküchen des sozialistischen Wohnens und das Leben mit acht Familien in einer Sechszimmer-Kommunalka, die unendlichen Eisenbahnlinien in einem Riesenreich und die Klosterinsel Solowki, wo im GULag „das Menschenmaterial umgeschmiedet“ (Maxim Gorki 1929) wurde. Ein Kapitel heißt „Das Klavier im Kulturpalast“. Mit dem Begriff Palast ging man recht großzügig um. Nahezu jedes Dorf hatte ihn, und jeder Kulturpalast hatte ein Klavier. Die Revolution hatte das Musikmöbel aus den großbürgerlichen Wohnungen ins sozialistische Eigentum überführt. Aber auch Triviales wird ins Blickfeld gerückt: Packpapier und Verpackung oder Nippes in den Regalen. Genau wie in einem realen sind in diesem „Imaginären Museum“ die Exponate nicht gleichwertig. Es gibt Hochkarätiges und Belangloses. Aber all das ergab eine eigene Lebenskultur, die die Menschen geformt hat, und die bis in die Gegenwart nachwirkt.
Durch die eigenwillige, gekonnte Gliederung wird dieses voluminöse Werk zu einer gut lesbaren, fast unterhaltsamen Lektüre, die neue Zugänge in ungewöhnliche Lebenskulturen schafft.


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©VERS 2002 - 2018 letzte Änderung: 30.12.2018